Wortsammlung

Keine Angst, lies ruhig weiter. Ich stehle sie dir nicht, die Worte, die du hier liest. Nichts von hier wird einfach verschwinden, keine Sorge. Ich sammle sie, die wertvollen Buchstaben, tatsächlich sprudelt dieser Satz wie jeder vor und nach ihm aus meinem Kopf und dem unendlichen Repertoire meiner Sammlung. Sätze, zusammengesetzt aus Wörtern, die wiederum aus Buchstaben bestehen. Jeder kann sie lesen, ich nehme sie nicht weg, ich speicher sie lediglich.

Ich lese, ziemlich häufig. Und manchmal, mit der Zeit immer weniger, kenne ich ein Wort nicht. Ich sauge es ein, konsumiere es und kann oftmals nicht weiter in die Welt der Buchstaben eindringe, bis ich nachgeschlagen habe, was es bedeutet. Und dann kenne ich es, meine Sammlung ist gewachsen und es gibt ein Wort weniger, welches mir die unglaubliche und grenzenlose Reise unterbrechen könnte.

Wenn ich lese, bin ich nicht ich. Im Grunde existiere ich dann gar nicht. Ich bin nicht da, mein ganzes Bewusstsein ist als stiller Beobachter in die Seiten eingedrungen, der nach einiger Zeit nicht einmal mehr weiß, dass er ein Bewusstsein hat. Die Welt verschwimmt, das Papier selber mitsamt allem. Nicht mehr Lesen um des Lesens willen, denn nach kurzer Zeit, ist man sich des Lesens nicht mehr bewusst. Die andere Realität baut sich im Geiste auf, erst Formen, dann Farben und dann der ganze Rest. Nicht einmal unterbrochen von dem Umblättern. Wie oft zuckte ich schon bei dem charakteristischen Rascheln zusammen, im festen Glauben, das Geräusch kam nicht von, sondern aus dem Papier?

Doch warum in diese Traumwelt flüchten, wenn man auch einfach das echte Leben genießen könnte?
Wer diese Frage stellt, kennt das richtige Lesen nicht. Richtiges Lesen – nicht das aufmerksame Lesen, bei dem man sich alles merken muss, sondern das lebendige Lesen, bei dem einem ein Satz auch mal entwischen kann, ein Detail, und die Welt bricht dennoch nicht zusammen. Und das tut sie selbst nicht, wenn man die Naturgesetze außer Kraft setzt – Bücher bieten Grenzenlosigkeit. Jeder kann seine eigenen Träume durch schreiben verarbeiten. Ich mache das, in dem ich eure Träume lese. Ich inhaliere sie und überlebe durch sie. Was sollte sonst meinen Kopf ausfüllen, als die größte Sammlung der Menschheit?

Schwarz-Weiß, blau, rot. In den denkbaren und unausdenkbaren Farben strahlen die Zeichen der Schrift, in Büchern meist schwarz-weiß, in der Schule blau, in Briefen Blau, Grau, Schwarz, Rot und eben allem unausdenkbaren. Aber ich wiederhole mich mal wieder. So eine große Auswahl an Wörtern und trotzdem wiederholt man sich. Eigentlich ziemlich seltsam, oder?

Doch eigentlich war diese Seite doch für meine Geschichte gedacht und nachdem ihr meinen recht einfachen Gedanken lange genug gefolgt seid, will ich damit auch mal anfangen.

An den Tagen, an dem ich das Lesen gelernt habe, hat sich mein Leben verändert. Ein Weg in die Bibliothek, Wunschlisten hauptsächlich aus Büchern bestehend, zum Geburtstag ein zweites Bücherregal für das eigene Zimmer, mein Leben bestand aus den Symbolen. Erst zu möglichst vielen freien Minuten, verbarrikadierte ich die Bücher für lange Zeit in den Abend, aus dem sie lange Zeit verschwanden. Und was blieb? Ein junger Mann mit relativ gutem Wortschatz, der bei Hobbys seit Jahren “Lesen” eintrug, obwohl es längst nicht mehr zu den regelmäßigen Hobbys gehörte. Doch das sollte sich ändern, doch erst kam noch etwas anderes auf: Das Schreiben. Den Architekten für die unendlich unbegrenzte Welt spielen . Eigene Realitäten aufbauen, ausprobieren, wie weit man gehen konnte, ohne die Glaubwürdigkeit zu sehr zu strapazieren. Und schließlich wieder das Lesen. Was war aus dem schreiben geworden? Nebensächlich. Ich war nie das größte Talent im schreiben, doch es wurde zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens, das tägliche Schreiben. Tagebuch führen, online und offline parallel, über verschiedene Themen. Doch es ging wieder zum Ausgang zurück: Das Lesen selber. Und jetzt bin ich hier, nachdem ich vor einiger Zeit das Lesen wieder aufgenommen habe, um mit euch meine Worte zu teilen, die sich in Jahren des Konsumierens angehäuft haben, und euch meine Meinung zu gewissen Themen zu sagen, die dem Wortsammler eindeutig zu lange auf dem Herzen lagen und immer noch dort verweilen.

Eine Antwort zu Wortsammlung

  1. abracz schreibt:

    gefällt mir sehr gut
    du hast praktisch gemacht, was ich zum thema “träumen” versucht hab, nur viel ausführlicher und poetischer
    ich finde es schön, wie du beschrieben hast, dass irgendwann der punkt kommt, an dem man nicht mehr aneinandergereihte worte sieht, sondern die welt, die sich auf den seiten abspielt

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